Johannes 10, 10

joh10 10

Jesus Christus spricht: Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben. Joh 10,10

Liebe Lesende, es scheint so, als sei es mit der Fülle vorbei. Überall geht es um Kürzungen – bei den Rentnern, in der Gesundheitspolitik und auch bei den Kirchen. Jetzt ist es so weit, dass wir in den Gemeinden die tiefen Einschnitte spüren und Entscheidungen treffen müssen, die wirklich schmerzen. Die Sicherheit und der materielle Überfluss drohen abhanden zu kommen. Für manche mag das Versprechen Jesu fast zynisch klingen in unseren Zeiten.

Was ist das für eine Fülle, die Jesus uns da verspricht?

In manchen Gemeinden des globalen Christentums wird tatsächlich ein Wohlstandsevangelium verkündet, in dem ein voller werdender Geldbeutel mit einem Leben in Fülle gleich gesetzt wird. Ich verstehe die Bibel anders. Jesus meint mit „Fülle“ sicher nicht das Höher, Schneller, Weiter, Besser in unserem gesellschaftlichen System. Für ihn geht es um das, was hinter dem schönen Schein des Überflusses zum Vorschein kommt: Das, was die Grundlage für jede Gestaltung der Welt bildet – wo wir trotz Reichtum und Gesättigtsein an unseren zerbrechenden Beziehungen leiden und Trost suchen. Wo kein Geld der Welt den Vater oder die Mutter wiederbringen kann, um die wir trauern. Wo wir einen brauchen, der mit uns weint, wenn wir traurig sind. Und eine, die für uns da ist, wenn das Leben einsam zu werden droht. Die Sicherheit und der materielle Überfluss können nicht einmal mehr ansatzweise überdecken, was dahinter durchscheint: Den Wunsch nach einem erfüllten Leben. Voller Trost und Zufriedenheit. Gefüllt mit Gerechtigkeit und Mitmenschlichkeit. Mit Menschenliebe und Toleranz. Erfülltes Leben – das gibt es nicht für mich allein, sondern nur in der Beziehung zu anderen. Erfüllt bin ich dann, wenn es in meinem Leben Dinge gibt, die mich bereichern. Wenn es in meinem Tag auch Aufgaben gibt, die ich als sinnstiftend empfinde. Wenn ich mich am richtigen Platz fühle. Wenn ich das tue, was mich glücklich macht. Wenn ich weiß, wofür ich lebe. Das sind manchmal nur kleine Momente. Wenn ich am Meer sitze und auf das Auf und Ab der Wellen schaue und ich mich als Teil eines großen Ganzen fühle. Oder wie neulich, als ich im Fahrstuhl im Medicum in Detmold den Mann traf, der im 4. Stock einstieg und so traurig aussah. Kein gutes Ergebnis? - fragte ich ihn. Wir gingen dann noch bis zum Parkhaus zusammen und auf diesen wenigen Metern erzählte er mir von seiner Diagnose. Gott weiß, was er tut – sagte er zu mir, als wir uns am Parkautomaten verabschiedeten. Das erfüllte Leben, das Jesus verspricht und bringt, ist das Leben, in dem etwas von Gott aufscheint, hier und jetzt und mittendrin in allem Stress, in allen Fragen, in meiner Ratlosigkeit, in meinem Nachdenken. Mittendrin blitzt es auf: Gott ist gegenwärtig. Vielleicht sollten wir doch wieder einmal mehr auf das schauen, was Jesus und mit ihm viele andere vorgelebt haben. Und so leben, wie Gott es sich von Anfang an vorgestellt hat. Für mich ist die Gemeinde ein Ort, wo wir gemeinsam darüber nachdenken können, wie das geht. Gedanken teilen. Ausprobieren, was es heißen könnte: leben, wie Gott sich das vorstellt. Mir hilft das, dass ich nicht allein damit bin. Und dass ich hier einen Ort habe, wo mir das Versprechen Jesu immer wieder neu zugesprochen wird, wenn ich gerade daran zweifle:

Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben.

Ihre Pastorin Petra Stork
im Juli 2026

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