„Freunde, dass der Mandelzweig
wieder blüht und treibt,
ist das nicht ein Fingerzeig,
dass die Liebe bleibt?“,
so dichtete Shalom Ben Chorin im Jahr 1942. Sein Lied ist in unserem Gesangbuch aufbewahrt. Und immer, wenn wir es singen, müssen wir uns das fragen lassen. Siehst Du die Zeichen der Hoffnung? Erkennst Du, was schon im Kleinen sichtbar ist und weiterwächst und groß wird?
Wir sehen oft darüber hinweg. Als ich diese Worte schrieb, da lag draußen noch Eis und Schnee. Es ist bitterkalt, der Wind macht es noch kälter und eisiger. Anfang Februar, die Zeit, da in Israel die Mandelbäume beginnen zu blühen.
Als Shalom Ben Chorin dieses Lied schrieb, herrschte Krieg, es ist das Jahr 1942 und er lebt in Israel, weil er aufgrund von Anfeindungen, weil er aufgrund der Bedrohung seiner Existenz nicht in Deutschland bleiben konnte. Ohnmächtig schaute er zu, wie die Jüdinnen und Juden in Europa vernichtet werden sollten.
Da ist es schwer, Hoffnungszeichen zu entdecken. Aber Shalom Ben Chorin tut es, im Mandelbäumchen, das vor seinem Haus steht und nach dem Winter wieder die ersten Knospen treibt. Bald schon wird das Blütenmeer der Obstbäume den Winter vergessen lassen. Unvorstellbar aber, dies zu glauben, als diese Zeilen geschrieben wurden.
Und doch ist es so.
„Tausende zerstampft der Krieg,
Eine Welt vergeht.
Doch des Lebens Blütensieg
leicht im Winde weht.“
Die Realität wird nicht ausgeblendet, die Gleichzeitigkeit von Erschrecken, Sorgen und Angst auf der einen und Hoffnung auf der anderen erzeugt manchmal Gänsehaut.
Und doch ist es so. Sehen wir die kleinen Zeichen der Hoffnung, verändert sich alles, dann sehen wir in den kleinen Anfängen schon das Kommende, dann sehen wir in den ersten Knospen schon den „Blütensieg“ von dem Shalom Ben Chorin singt.
Und dann kann das geschehen, was der Hebräerbrief seinen Leserinnen und Lesern schreibt:
„Die Hoffnung haben wir
als einen sicheren und
festen Anker unsrer Seele.“
Sie macht uns ruhig und gelassen, zuversichtlich und mutig, diese Hoffnung, die unseren Seelen ein festes Fundament gibt, ein fester Anker, der sie festhält im Wind der Hoffnungslosigkeiten und Zweifel, sodass unser Lebensschiffchen nicht abgetrieben werden kann.
Seit Ostern wissen wir spätestens, dass diese Hoffnung einen festen Grund hat, dass sie nicht nur so dahergesagt ist, und dass es eben nicht nur ein paar Knospen sind, die nichts weiter zu sagen haben.
Leben siegte über den Tod – und wird weiter siegen:
Überall dort, wo ich noch über Hass und Hetze erschrecke und sie nicht das letzte Wort behalten dürfen.
Überall dort, wo Menschen aufeinander zugehen und vermeintliche Grenzen überschreiten.
Überall dort, wo ich die Bedürftigkeit meiner Mitmenschen sehe und darauf reagiere.
Überall dort, wo aus Misstrauen und Feindschaft Verständnis wächst.
Ich sehe diese Zeichen, das macht mir Mut. Ganz klein sind sie vielleicht noch. Schauen sie doch auch hin, im Leben unserer Gemeinden, in den ehemaligen Erprobungsräumen Popkantorat und HBM chribal und anderswo, wo aus zarten Knospen immer wieder Blüten werden, die die Menschen verändern und ihnen Zuversicht schenken. Dazu lade ich Sie ein – im kalten und herausfordernden Wind unserer Zeiten.
Ihr Pfarrer Matthias Zizelmann
Februar 2026

