Liebe Gemeindeglieder,
interessieren Sie sich auch für Musik und verfolgen Sie gespannt die Musik ihrer Lieblingskünstler bzw. -gruppe? Bei mir ist das, wie viele von Ihnen wissen, so. Einer der Musiker, die ich gern höre, ist Paul McCartney, einer von noch zwei lebenden Bandmitgliedern der legendären Beatles. Auch wenn diese Musik lange vor meiner Geburt entstanden ist, bin ich ein großer Fan der Beatles und von Paul McCartney. Seit dem Ende der Band im Jahr 1970 hat McCartney immer weiter Musik gemacht. Auch gegenwärtig mit fast 84 Lebensjahren ist er immer noch aktiv. Ende März erschien nun ein neuer Song von ihm: „Days we left behind“ – „Tage, die wir hinter uns gelassen haben“. Mit einem warmen Gitarrenlauf und einer Stimme, der man durchaus anhört, dass hier ein ins Alter gekommener Mensch singt, blickt McCartney zurück auf sein Leben: „Looking back at white and black, reminders of my past“ („Rückblick auf weiß und schwarz, Erinnerungen der Vergangenheit.“) – mit diesen Worten, die auf alte Schwarz-Weiß-Fotos hindeuten, eröffnet er sein Lied über seine Kindheit auf den Straßen Liverpools. Eine Kindheit im Milieu der Arbeiterschicht, die bescheiden und nicht unbeschwert war – von „Geräuschen des Kriegs“ ist die Rede, zu denen sich Lerchen in den Himmel erheben. Trotzdem merkt man dem melancholischen Charakter des Liedes an, dass es auch eine glückliche Zeit war, die einen bleibenden Wert hat, wie sich insbesondere im Kehrvers niederschlägt: „No one can erase, the days we left behind.“ („Niemand kann die Tage, die wir hinter uns gelassen haben, auslöschen.“)
Auch wenn es nicht meine Zeit ist, die McCartney hier mit seiner Kindheit verbindet, kann ich die Stimmung des Liedes nachvollziehen, wenn ich auf meine eigene Kindheit zurückblicke. Es waren nicht die 40er-Jahre wie beim ehemaligen Beatle, sondern vor allem die 90er-Jahre. Die Weltsituation war eine andere, auch das individuelle Leben. Doch ich erinnere mich ebenso an Begebenheiten und Situationen, die schön und glücklich waren und einen bleibenden Wert haben. Einiges ist blass, anderes ist stärker in Erinnerung. Womöglich ist das bei Ihnen, liebe Leser*innen, auch so. Und vielleicht spüren Sie es ähnlich wie ich, wenn Sie bei Gelegenheit den neuen Song von Paul McCartney hören. Dass Vergangenes bzw. bestimmte Phasen der Vergangenheit einen Wert für die Gegenwart und Zukunft haben können, ist nachdenkenswert, wie ich finde. Wohl wissend, dass die Vergangenheit auch mit Negativem oder Belastetem verbunden sein kann. Und womöglich ist das Vergangene bei einigen auch so beschwert, dass man es vergessen und hinter sich lassen muss, um das eigene Leben im Hier und Jetzt führen zu können. Der Umgang mit der Vergangenheit ist sicher eine individuelle Sache der je eigenen Perspektive.
Das Verhältnis von Alt und Neu, von Vergangenem und Gegenwärtigem ist auch in der Perspektive des Glaubens von Bedeutung. Und es verbindet sich mit dem Leben Jesu, seinem Schicksal und einer göttlichen Wendung: Jesus Christus stirbt, um von Gott auferweckt zu werden und von Neuem zu leben. Wir Christ*innen glauben, dass darin eine Hoffnung für unser eigenes Leben angelegt ist: Unser altes Leben wird irgendwann sterben, um durch Gott von Neuem zu erblühen. Diese göttliche Wendung negiert das Alte bzw. Vergangene nicht. Vielmehr unterstreicht es den Wert des Vergangenen, indem Gott es von dem befreit, was defizitär ist. Das, was uns beschwert hat, wird nicht mehr sein. Doch wir selbst werden bleiben. Aus dieser göttlichen Perspektive könnte man McCartney auch leicht abändern: „No one can erase, the life we left behind.“ – „Niemand kann das Leben, das wir hinter uns gelassen haben, auslöschen.“, weil es von Gott verwandelt wird. Eine Perspektive, aus der wir schon im Hier und Jetzt Kraft bekommen können.Das wünsche ich Ihnen zumindest.
Mit herzlichen Segensgrüßen, Ihr Pfarrer Dr. Gregor Bloch
(im Juni 2026)
